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Adlon-Demo Quo Vadis: Der falsche Bericht

Am 18.2.19 kam die crème de la crème de la Immobilienwirtschaft-ö in Berlin zusammen. Wo genau? Im Hotel Adlon natürlich, wo sonst. Für läppische 3.000 € war man dabei, das entspricht 38 Eintrittskarten eines Justin Biebers Konzert, aber der belustigt einen ja nur ein bis zwei Stunden nach Abzug der Wartezeit. Beim Quo Vadis Kongress für Immobilienentscheider hat man drei Tage lang Spass, vom 18. zum 20. Februar 2019. Spass in der Immobilienwelt.

Der Kongress dauert insgesamt ca. 17 Stunden, das sind 176,47 € pro Stunde, eigentlich ganz vernünftig, schließlich waren Kaffee, Getränke und Frühstück kostenlos dabei. Und bei einem gratis Soft-Drink lässt es sich doch gleich viel besser über harte Immobilien-Fakten plauschen, es waren reichlich Zeitstrecken fürs Netzwerken und Socializen vorgesehen.

Stargäste waren auch dabei, sowie Annegret Kamp-Karrenbauer und der ex-Torwart Deutschlands, Oliver Kahn, der vielleicht etwas zu Eigentoren sagte. Die Vorsitzende der CDU eröffnete den Kongress mit dem Vortrag “Wohlstand für Alle?! – Neue Herausforderungen für ein altes Versprechen”, eine aparte Idee vor einem Publikum von Damen und Herren, die gerade 3.000 Euro hingelegt hatten, um diesem faszinierenden Gedanken zu lauschen.

Die Schieflage: Unter den Lauschenden waren vermutlich auch Immobilien-Entscheidungsträger, die Mieten so sehr in die Höhe treiben, dass Mieter bis zu 50% und manchmal mehr für ihren Wohnraum aufwenden müssen. Ihre Kaufkraft ist dadurch ziemlich geschmälert und die anderen Wirtschaftsbereiche wie Handel, Textilien, Lebensmittel, Technik usw. müssen sich halt hinter die Immobilienwirtschaft stellen. Und hoffen, dass für sie noch etwas übrigbleibt.

Wie sich dieses Kaufkraft-Abschöpf-Privileg, kurz KAP wie Kapitalgesellschaft, des Immobiliensektors rechfertigen lässt hätten wir gerne gewusst. Wären wir von der W-V-L in den Genuss des Vortrags von AKK gekommen, hätten wir diese Frage gestellt. Nur sind 3.000 Euro für uns derzeit eine astronomische Summe, da wir alle ehrenamtlich arbeiten und das wenige Geld lieber in Flyer und Plakate investieren. Vielleicht hätte man den Titel des Vortrags auf Wohlstand für alle in diesem Raum umtiteln müssen, mit dem Zusatz: abgesehen von den Kellner*innen und anderem Personal 😉

Hätte die W-V-L ein Mitspracherecht bei der Organisation der Programmpunkte gehabt, so hätten wir ein Sonderkonzert von Depeche Mode vorgeschlagen, die aber nur ein Lied hätten singen dürfen: Just can’t get enough. Oder da eine Live-Performance von Depeche Mode vielleicht das Budget gesprengt hätte, wäre ein Karaoke-Abend speziell für die Geschäftsführer der großen Wohnkonzerne Vonovia, Deutsche Wohnen und LEG auch möglich gewesen. Sie hätten auch statt des Liedtextes die Bilanzen ihrer Unternehmen singen können, die sich mit dem Lied der englischen Kultband gut auf den Punkt bringen lassen.

Die Mieter ihrer über 600.000 Wohnungen hätten ein Gegenlied singen können, zum Beispiel The Winner Takes it All von ABBA, oder It’s a Sin von den Pet Shop Boys, eventuell Such a Shame von Talk Talk. Vielleicht auch alle drei. Nur wären die Klänge der über Deutschland und Berlin verstreuten Mietern sicher nicht bis in die edlen Hallen des Adlons vorgedrungen, sie sind sicherlich akustisch gut isoliert.

Vor dem besten Haus der Stadt war die Stimmung ganz anders. Dort hatte sich ein Trupp von Demonstranten geschart, die dem Aufruf des Bündnis Zwangsräumung Verhindern gefolgt waren, um die Immobilien-Entscheidungsträger in Empfang zu nehmen. Die Vorträge die man da hörte waren einer ganz anderen Natur, gelinde gesagt hätte man sie als eher kritisch gegen Kapitalismus werten könnte. Von räuberischer Rendite war auch die Rede, Fallbeispiele von Großvermietern, die ihren vertraglichen Pflichten nur zögerlich nachkommen und auch ein Katz und Maus-Spiel mit den gesetzlichen Vorgaben und örtlichen Bestimmungen betreiben.

Den Wohnkonzernen fehlt es an Wärme
Wir denken da an die Deutsche Wohnen, die im Januar 2019 Berliner Mieter ohne funktionierende Heizung ließen, vielleicht musste der Konzern für die teuren Eintrittskarten sparen, eine Finanzierungsstrategie die vielleicht auch Vonovia verfolgte, wie die Ruhrnachrichten im Oktober 2018 berichteten.

Die LEG hat offensichtlich funktionierende Heizungen, ein Nachteil den sie aber mit findigen Listen wettmachen könnte. So schlug sie im Juni 2018 Bewohnern einer ihrer Anlagen in NRW vor, 10 Euro mehr Miete zu zahlen, freiwillig. Als Gegenleistung versprach sie zwei Jahre lang die höhere Miete nicht zu erhöhen, was eine gewisse Logik in sich birgt, da sie ja schon erhöht waren. Die Mietlist lässt sich auf der Seite des Mieterforums Ruhr nachlesen. Man stelle sich nur vor, man isst in einem Restaurant, beim Zahlen schlägt der Wirt dem Gast einen Aufpreis vor, der ihm garantiert, er würde bis zum nächsten Essen den Preis seiner Speisen nicht erhöhen. Wenn das Lokal LEG hieße, wäre alles in Ordnung.

Ein Fehler au dem Schirm
Und jetzt nach dieser sehr langen Einleitung, die Zahl 3.000 hat uns möglicherweise zu diesem Fließtext inspiriert – nur in Worten statt Euros, jedem seine Währung – endlich der Grund dieses Posts. Über die Veranstaltung Quo Vadis berichtete der RBB in seiner Abendschau. In dem Beitrag wurde fälschlicherweise ein Mitglied der Wohnraum-Verteidigungs-Liga als Organisator der Demonstration ausgewiesen. Dem ist nicht so, wir waren bei dem Event nur anwesend, weil wir die sehr unglückliche Optik eines Immobilien-Kongresses in einer Stadt, die am meisten von der in Deutschland grassierenden Wohnkrise geplagt ist, auch anprangern wollten.

Hier das Bild das den Irrtum zeigt:

Wie gesagt hatte das Bündnis Zwangsräumung verhindern! die Demonstration organisiert. Unser vom Unterschriften-Sammeln etwas ermatterter Kollege trägt auch ziemlich sichtlich einen Badge der W-V-L, wir bitten hiermit den RBB um eine Gegendarstellung, um den Fehler zu korrigieren. Die zahlreichen Mieter-Initiativen Berlins bewirken durch ihre stetige Arbeit – ehrenamtlich wohlbemerkt – gerade ein Umdenken in Sachen Wohnungspolitik der Stadtregierung, die in Sachen Beweglichkeit und Reakivität auf die Schieflage am Wohnungsmarkt sich durchaus mit einem Öl-Tanker vergleichen lässt. Sollte sie unserer Bitte nicht nachkommen würden wir aus einen Stoss Plakate und Flyer verzichten müssen, um einen Anwalt zu beauftragen.

Wir hoffen dass es nicht so weit kommen muss, wir brauchen jeden Flyer und jedes Plakat, um insgesamt 4.500 Unterschriften von EU- und deutschen Bürgern zu sammeln, damit wir wie geplant zu den EU-Wahlen 2019 antreten dürfen. Das ist derzeit bei weiten nicht gesichert, wir müssen diese Zahl bis Mitte kommender Wochen erreichen. Wir haben gerade Mal etwas über zehn Prozent der nötigen Unterschriften. Ziel unserer Wählergemeinschaft ist das Recht auf leistbaren Wohnraum auf EU-Ebene zu verankern.

Deswegen bitten wir Sie, oder Dich, oder noch besser Euch, uns zu unterstützen. Sie/Du/Ihr können/kannst/könnt das Formular auf unserer W-V-L Homepage herunterladen und es an unser Wahlbüro schicken. Das Porto können wir nicht ersetzen, aber vielleicht können Sie sich an die Organisatoren des Kongresses Quo Vadis wenden. Die haben, wenn die Zahl der rund 400 Teilnehmer stimmt, in drei Tagen 1,2 Millionen Euro eingesammelt, nach Abzug der Kosten, unter anderem die der gratis Soft-Drinks, sollte hoffentlich noch etwas übrigbleiben.

Diese Summe von 1,2 Millionen Euro entspricht, nebenbei erwähnt, 71 Jahresgehälter von 1.500 €, oder 1.433 Jahren Harz-IV Beiträgen. So viel zur Idee von Wohlstand für Alle…

Aber die Kritik richtet sich hier nicht so sehr an die Organisatoren des Kongresses, noch an die Teilnehmer. Viel mehr an die Rahmenbedingungen eines komplett aus den Fugen geratenen Immobilienmarktes, was einer seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, vernachlässigten Wohnungspolitik verschuldet ist.

Wenn man die Frage Quo Vadis, auf Latein ‘wohin gehst Du’, in Sachen Wohnungspolitik an die verschiedenen Regierungen auf Bundes- und Landesebene stellen würde, die vergangenen und die aktuellen, käme eine Antwort à la LEG zu Stande. Eine bei der man sich fragt, ob da noch ein gesunder Hausverstand vorhanden ist, oder war. Denn die Wohnungskrise, besonders in Berlin, ist größtenteils hausgemacht. Investoren nutzen überwiegend die Möglichkeiten, die der Gesetzgeber ihnen einräumt, und die schwarzen Schafe, die mit der Legalität gerne Katz und Maus spielen, können von personell unterbesetzten Behörden nicht gänzlich in die Schranken gewiesen werden.

Damit der Wohnungsmarkt wieder ins Lot kommt will die Wohnraum-Verteidigungs-Liga uns EU-Parlament. Dort wollen wir die Interessen der Mieter bundesweit vertreten und gemeinsam mit anderen Mieterorganisationen der EU das Recht auf leistbares Wohnen duchsetzen. Und diesen Versuch können wir nur wagen, wenn wir an den EU-Wahlen teilnehmen dürfen. Dafür brauchen wir Eure Unterstützung.


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