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Das goldene Mietzeitalter

Heute, weil es am Morgen einen kleinen, fiesen Nieselregen gab, ein längerer, klammer Post.

Gestern sprachen wir über die Säulen der Wohnungsmisere, oder wie es dazu kam, dass es ist wie es ist. Ihr wisst ja, wie es ist, das brauchen wir Euch nicht zu erzählen. Teilweise wisst Ihr das ja sogar besser als wir, da Ihr ja Ihr seit, und nicht wir. Es ist zu vermuten, dass Ihr besser über Eure Situation Bescheid wisst, als andere. Und das ist auch gut so, sonst müsstet ihr uns vermutlich oft anrufen, um zu wissen, was eigentlich was bei Euch Sache ist. Umgekehrt würden wir das auch tun. Die Sätze die Ihr gerade lest zeugen von den Auswirkungen eines fiesen, kleinen Nieselregens auf ein üblicherweise halbwegs normal funktionierendes Gehirn.

Aber lasst uns den Faden wieder aufgreifen nach einer kurzen Eigenwerbung.

Wie gesagt, gestern redeten wir vom goldenen Zeitalter für Mieter, die lange eine Katastrophe für Vermieter war. In den Erinnerungen der Zeitzeugen schimmert diese Epoche wie ein unerreichbares gelobtes Land. Ein sagenumwobener Landstrich, ein El-Dorado, den man nur bruchstückhaft sieht, in der Ferne, oder von dem man nur gehört hat, von dem die Alten und Weisen etwas zu erzählen wissen, weil sie ihn tatsächlich mal erlebt haben. Es gab dort Flüsse aus Milch und Honig, Bäume hatten gleichzeitig Blüten und Früchte – und das Preis-Leistungsverhältnis von Mieten war nicht von dieser Welt.

Anfang der Nuller Jahre lag der Leerstand in Berlin bei fast 10%. Hinter dieser Zahl verbergen sich leere, heruntergekommene Wohnungen, verzweifelte Vermieter, die einem Wohnungen nachwarfen, die einem drei Monate Mietfrei anboten, wenn man doch nur bitte die Wohnung nähme. Berlins Bevölkerung schmolz leicht dahin, und um das Jahr 2003 herum, während der Rezession, wurde Deutschland sogar ein Auswanderungsland. Österreicher und Schweizer wissen ein Lied von deutschen Gaststudenten und -arbeiter zu singen.

Klingt irreal? War aber so. Wir waren nicht dabei. Aber wir kennen alte, weise Leute, die davon erzählen. Wir lauschen ihnen gebannt und dachten zuerst, die armen, die sind schon hinüber. Als uns die Bekannten der alten Weisen Leute es bestätigten, dachten wir, das nennt man kollektiven Schwachsinn, eine seltene Geisteskrankheit, bei der sich Geistesschwache spontan und unbewusst auf ein gemeinsames Hirngespinst einigen. Ist tückisch.

WG-Zimmer, vermutlich 19. Jahrhundert.

Aber als wir uns auf alte Schriftrollen beugten, die uns verstaubte Bibliothekare überreichten, so staunten wir nicht schlecht, aber auch nicht gut: Es war wahr. Wir fanden sogar in tiefen Gewölben, alte, in Stein gemeißelte Mietverträge, auf denen man trotz des Verlaufes der Zeit noch Preise und Fläche lesen konnte. Die Alten sprachen die Wahrheit! Das Pendel des Marktes war damals auf der anderen Seite! Heute leiden Mieter, damals litten Vermieter. In der Mitte blieb man nur kurz.

Ist auch normal. Wenn man die Bewegung eines Pendulums, oder einer Schaukel, länger anguckt, so ist es erstmal zu vermuten, dass man gerade nichts besseres zu tun hat. Zweitens bewegt sich die Schaukel am schnellsten, wenn sie in der Mitte ihrer Laufbahn ist und am langsamsten, wenn sie in die andere Richtung schwingen wird. Sie hält einen kurzen Moment inne, bevor sie in die andere Richtung schwingt, an Fahrt aufnimmt und durch die Mitte ihrer Laufbahn durchrast. Dort ist sie am schnellsten.

Ihr ahnt den Vergleich, der watschelnd auf Euch zu kommt. Platsch Platsch Platsch, Hallo! Hier bin ich, der Vergleich: Wären die Preise am Mietmarkt der Laufbahn eines Pendels ähnlich, wo wäre das Pendel jetzt? Wir könnten systematisch vorgehen, um das zu prüfen, nur spüren wir, dass das Ende dieses Posts naht. Wir müssen uns also kurz halten.

Berlin, um 1985. Wir nähern uns der Periode die im Post erwähnt wird.

Deswegen eine kleiner Klausur, es nieselt ja, da wird man fies:
Nimmt der Markt nur gerade Schwung auf und es wird noch härter, oder sind wir gerade am Ende einer Beschleunigungsphase, und müssen nur noch ein paar Jahre durchalten? Ein bisschen, oder sehr viel leiden, oder noch schlimmer, nach Brandenburg ziehen, je nach Einkommen. Wenn Sie in Brandenburg leben entschuldigen wir uns hier, wir sind in einem Vorwahlkampf, da ist uns nichts zu Schade, wir haben es nicht so gemeint und Sie haben uns falsch gelesen vermutlich.

Die Antwort ist relativ einfach: Es ziehen jährlich 40.000 Menschen nach Berlin, seit Jahren. Es wurden  von 2012 bis 2016 jährlich zwischen 4.419 und 13.659 Wohnungen gebaut. Der Senat, von einer plötzlichen Kühnheit erfasst, auch Bau-Tollwut genannt, plant das Pensum der neu gebauten Wohnungen auf bis zu 20.000 Wohnungen pro Jahr zu erhöhen.

Wir lassen Sie selbst die Rechnungen machen. Bei Fragen bitte uns kontakieren, wenn Sie dann spontan, oder nach einiger Überlegung, das Unterstützungsunterschrift auf dem Formular EuWO_Anl14_W-V-L unterschreiben würden, würden wir uns sehr freuen. Aber auch wenn Sie nciht unterschreiben, sind wir nicht böse. Wir werden auch versuchen, unsere Träne zu verbergen, damit Ihr kein schlechtes Gefühl habt.

Wir, von der W-V-L, sind übrigens der Meinung, dass es ein Recht auf leistbaren Wohnraum gibt. Dass man solche Schaukelbewegungen, von denen man in Berlin beide Extreme kennt, eigentlich beeinflussen kann, durch faire Gesetzgebung, massiven Wohnungsneubau und Ausbau von gemeinnützigen Wohnformen.  Anstatt tatenlos zuzusehen, bis sich alles von alleine richtet.

Übrigens, auf einer alten Schriftrolle fanden wir den Spruch, bedeckt von einer langbeinigen Spinne, die sich nur nach gutem Zureden vertreiben ließ : Liegt die Miete in der Mitte, ist das zweifelsohn’ ein Hitte. Alt-Mittelhochdeutsch mit leicht südlichem Abgang, ganz sicher.

Unterschreibt lieber unsere Unterztützungsformulare, anstatt solche Posts zu lesen…

Vielleicht haben Sie das ja noch nicht mitgekriegt…

 

 

 

 

 

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