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Säulen der Wohnungsmisere

Heute bilden deutsche Städte ein düsteres Bild. Wenig Sonne, Nieselregen, trostlose Strassen voller ängstlicher Gestalten, die aneinander hastig vorbeihuschen. Neben der atmosphärischen Kälte herrscht eine viel schlimmere: Eine soziale Kälte. Eisig. Brrrr! Es schüttelt einen.

Es denkt jeder nur noch an sich, daran, endlich eine leistbare Wohnung zu finden, nur für sich allein und seine Nächsten. Wenn mal eine angeboten wird, dann strömen die ängstlichen Gestalten zu hunderten zum Termin, alle wollen die Wohnung ganz alleine. Von den 800 oder 900 Kandidaten wird aber nur einer sie kriegen. Man bleibt höflïch, aber hinter dem gequälten Lächeln verbirgt sich Sorge (wird der da sie kriegen?), Skepsis (wird er mehr Handgeld zahlen als sich?), oder Argwohn (das Schwein, der sieht aus, als würde er viel verdienen), oder viel schlimmer noch, die innere Abkanzlung (nur ich verdiene dei Wohnung).

Das ist Berlin heute. Und in anderen Städten Deutschlands ist es genau so. Ein Bild des Scheckens, eine Einöde der Empathie, eine moralische Wüste.

Es war aber nicht immer so. Anfang der 2000er Jahre war alles ganz anders. Du auch! Du warst jünger und niedlicher. Das bleibt unter uns. Damals schien die Sonne jeden Tag, zumindest wenn es keine Wolken gab. Die Leute lächelten, sie strahlten sich geradezu an. Niemand huschte verängstigt durch die Strassen, niemand wartete in langen Schlagen für leistbaren Wohnraum, niemand hatte die Absicht, eine innerliche Mauer, um sein Herz zu bauen, wenn er seine Mitmenschen sah (eine Mauer so mit Stacheldraht und so, man hatte ja noch in Erinnerung, dass das nicht schön war und dass die Hunde viel zu oft bellten).

Dafür hätte es auch keine Gelegenheit gegeben, man stand nicht Schlange um eine Wohnung zu finden, es gab ja genug leistbaren Wohnraum. Der Leerstand erreichte astronomische Höhen, rund 10 %. Es waren die Vermieter, die Schlange bei den Mieter standen.

Berlin stieg unter anderem deswegen zu einer der attraktivsten Städte der Michstrasse auf, ihr Ruhm schwappte über die Grenzen und befleckte die Seelen freiheitsliebender, feierwütiger, fauler, findiger Menschen, die sich magnetisch anziehen ließen und mir nichts, Dir nichts, übersiedelten. Einfach so. Alle wollten nach Berlin, und die meisten gingen hin.

Auch der Senat Berlins hatte Jahrzehnte lang Party gemacht. Irgendwann Anfang der 2000er wachte er aber völlig verkatert auf und sah eine Rechnung auf seinem Schreibtisch. Die sah nicht gut aus, das war eine sehr, sehr hässliche Zahl drauf, so mit vielen Nullen. Nach eingängiger Prüfung stellte man fest: 60 Milliarden. Lieber heute als morgen zahlen stand auch noch drauf.

Die Senatoren blickten sich ahnungslos an, in den Augen ihrer Kollegen nach einer Lösung suchend. Nach Wochen und Monaten betretenem Schweigen, eine Zeit, während der sie rücksichtsvoll miteinander umgingen, um niemanden das unangenehme Gefühl zu geben, sie hätten etwas falsch gemacht rief, einer: Ich hab’s! Eureka! Ich bin ein Genie Wir verschleudern Hunderttausende unserer städtischer Wohnungen, dann sind wir wieder flüssig.

Ein allgemeiner Jubel brach aus, man umarmte sich, man klatschte, die Party konnte wieder beginnen, und so wanderten Hunderttausende Wohnungen vom städtischen Besitz in den privater Investoren. Ach, war das ein schönes Gefühl, wer das nicht erlebt hat, hat nicht gelebt, man kann es nicht anders sagen.

Es fühlte sich alles so gut an, dass man schlicht und einfach keine Zeit hatte, an die langfristigen Konsequenzen zu denken. Bitte jetzt nicht im nachhinein kleinlich sein und den Verantwortlichen von damals ihre Freude nicht gönnen, das ist doch unschön.

Um genau nachzuverfolgen, wie in den letzten zwei Jahrzenten eine erschreckende hohe Zahl an günstigem Wohnraum von städtischem Besitz in den privatwirtschaftlicher Akteure wanderte, werft doch ein Blick auf das Bild unten. Dafür müsst ihr die Augen etwas nach unten bewegen. Dort sind die Säulen der Wohnungsmisere genau nachgerechnet, von 1992 bis 2017, also was mit den insgesamt 1,9 Millionen Wohnungen die Berlin zählt passierte.
Akribisch nachgerechnet, von uns. Für Euch.

 


Interpretation der Grafik:

Kinderlein, scharet Euch um uns, jetzt interpretieren wir rasch dieses Bildlein. Das ist übrigens eine Grafik, und eine Grafik dient dazu, die innere Logik die sich in großen Datenmengen verbirgt anschaulich und auch für Laien verständlich zu machen.

  • In der ersten Säule sind die Zahlen der privatisierten Wohnungen, die immer mehr werden, habt ihr das bemerkt? Sehr gut!
  • In der zweiten Säule sieht man den Bestand an Wohnungen, die den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften gehören, im Volksmund Gewobag, Gesobau, etc. kapiert? Prima!
  • In der dritten Säule, also nicht die zweite, nicht die vierte, sondern die dritte, sieht man wie die Zahl an Sozialwohnungen sich über die Jahrzehnte entwickelt. Prüfungsfrage: Werden sie mehr, oder weniger?
  • In der vierten Säule werden die neugebauten Wohnungen aufgelistet, die in Summe relativ zahlreich wirken. Darunter befinden sich aber auch viele Wohnungen, die nie für den Mietmarkt gedacht waren, sondern für Eigentum.
  • Und in der fünften Säule befindet sich etwas, was wir Euch jetzt erklären könnten, aber wir sind jetzt etwas müde geworden. Wir sind aber zuversichtlich, dass ihr allein den Titel der 5. Säule zu lesen könnt. Wenn nicht bitte eine Mail an kontakt@w-v-l.eu

 

Das sind die fünf Säulen der aktuellen Wohnungsmisere. Die, die Laune drückt, die den Optismus im Keim erstickt, die, die einen argwöhnisch auf seine Mitwartenden blicken lässt, wenn man mal in einer Schar von 800 eine Wohnung besichtigen will. Die einen davon abhält, seine Mitmenschen anzustrahlen und in Wohlwollen zu ersticken, denn er ist ja ein Konkurrent geworden. Die, die einen in Angst und Schrecken versetzt, wenn man mitkriegt, das eigene Haus wurde verkauft. Und zuletzt die, die eigentlich nicht nötig wäre.

Denn die aktuelle Wohnungsnot ist hausgemacht, siehe oben. Nicht von Oma, nicht von Tante, sondern von Senator.

Wenn ihr Fragen habt, wir stehen gerne Rede und Antwort, denn wir sind sehr klug, halten fachlich fundierte Workshops, gerne im Adlon, warum denn nicht. Wir nehmen als Bezahlung allerdings nur Unteschriften an, am besten gleich 4.500, die auf spezielle Formulare geleistet werden sollten. Diese Formulare hat der Bundeswahlleiter, ein deutscher Beamter, für uns gemacht. Er residiert zu Wiesbaden und erstellt dort Tag ein, Tag aus, die erwähnten EuWO_Anl14_W-V-L Formulare, damit Wählergemeinschaften wie die W-V-L an den Wahlen für das EU-Parlament teilnehmen dürfen. Oder an anderen.

Und damit wir das dürfen, sammeln wir 4.500 Unterschriften, und das bis zum 27.2.2019, nein ihr dürft nicht lachen. Anstatt das zu tun solltet ihr uns unterstützen! Wir würden uns sehr freuen. Denn dann könnten wir mit den anderen Mieterinitiativen und Mietern gemeinsam daran arbeiten, dass die Jahre der Wohnungsmisere enden, damit der Wohnraum wieder leistbar ist. Und gemeinsam mit anderen Mieterorganisationen der EU eine Interessensvertretung der Mieter in Brüssel werden und das Recht auf leistbares Wohnen in der EU verankern.

Es könnte alles so schön sein!

Einer der Schlüssel dazu ist leistbarer Wohnraum, aber ich habe gerade ein déja-vu… ihr auch?

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(Weiter untern gibt es eine Anmerkung)

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(noch ein bisschen weiter)

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(keine Bange, verängstigtes Mieterlein !)

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(so jetzt sind wir da!)

Diese Grafik wurde von einem unserer Mitstreiter für das Mieter-Magazin erstellt und wird im März Heft in leicht abgewandelter Form erscheinen. Es gibt absolut keinen Grund diese Spielerei mit dem Scrollen zu machen und diese Information auf diese Art zu vermitteln, aber wenn es keinen Grund etwas zu tun, ist das ein Grund es nicht zu tun?

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